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Frieden & Sicherheit-Aktuelle religiöse und ethnische Konflikte

Terroranschlag auf einem belebten Markt im Irak. Bei einem Terroranschlag in Bagdad wurden im August 2014 mehr als 50 Menschen getötet.

Aktuelle religiöse und ethnische Konflikte

Im Nahen und Mittleren Osten konzentrieren sich aktuell religiöse und ethnische Konflikte auf engstem Raum, wie in Syrien oder in den israelisch-palästinensischen Gebieten.Warum sind diese Regionen so anfällig für Terrorismus? Welche historischen, religiösen und gesellschaftlichen Ursachen lassen sich dafür finden? Welche Auswirkungen haben religiös oder ethnisch motivierte Konflikte auf die internationale Sicherheitspolitik?

Die historischen Hintergründe

Die Staaten des Mittleren und Nahen Ostens entstanden nach dem Ende des Osmanischen Reichs 1918. Eine wichtige Grundlage bildete das so genannte Sykes-Picot-Abkommen aus dem Jahr 1916, das nach den beiden Verhandlungsführern, dem Briten Mark Sykes und dem Franzosen François Georges-Picot, benannt wurde. Hierbei handelte es sich um eine geheime Vereinbarung zwischen den Regierungen Großbritanniens und Frankreichs. Sie teilten die osmanischen Gebiete untereinander auf. Die Grenzen wurden von den Kolonialmächten zum Teil willkürlich gezogen. Auf die Siedlungsgebiete von Völkern und Stämmen oder religiösen Glaubensgemeinschaften, die in diesen Gebieten lebten, wurde keine Rücksicht genommen. Die europäischen Kolonialmächte beabsichtigten, in den neuen arabischen Nationalstaaten Syrien, Palästina, Jordanien und dem Irak ihren Einfluss zu sichern. Durch die Kriege im Irak (1990/91 und 2003), das militärische Eingreifen der NATO-Staaten in Libyen sowie die vom Arabischen Frühling 2011 ausgelöste Revolution in Syrien brachen die alten religiösen und ethnischen Gegensätze wieder auf und ebneten den Weg für Gewalt und Terror in diesen Regionen.


Formen und Begründungen von religiösem Terrorismus

Vom Terrorismus geht Gefahr für Frieden und Sicherheit aus. Mit ihren Anschlägen wollen Terroristen die Zivilgesellschaft einschüchtern und das Vertrauen in den Staat und seine Regierung zerstören. Terroristen haben nicht nur das Ziel, möglichst viele Menschen zu töten oder zu verletzen. Sie wollen auch Angriffsziele mit Symbolcharakter treffen: Botschaften, Flughäfen, Einkaufszentren, Museen oder Badeorte. Dabei soll eine möglichst breite und erschreckend öffentliche Wirkung erzielt werden. Terrorismus breitet sich weltweit aus, in Westafrika, in der Sahelzone und in Südostasien. Dem ideologisch-religiösen Spektrum des Terrorismus werden die Gewalttaten von al-Qaida oder Boko Haram im Norden Nigerias zugeordnet. Sie finden Gehör, indem sie sich die Missgunst der armen gegen die reichen Länder zu Nutze machen. Viele junge Menschen ohne Arbeit und Perspektive schließen sich ihnen an. Menschen, die ihre Orientierung verloren haben und nach Ersatzwerten suchen, sowie diejenigen, die im Fremden ihren Feind sehen. Mit steigender Mobilität und besseren Kommunikationsmöglichkeiten hat sich der religiöse Terrorismus vernetzt und ist somit internationaler geworden.


Der Islamische Staat

Das Machtvakuum nach dem drohenden Staatszerfall des Iraks und den Konflikten in Teilen des Nahen Ostens machte sich vor allem die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) zu Nutze. Der IS eroberte ein zusammenhängendes Gebiet im Nordwesten des Iraks und im Nordosten Syriens. In Anlehnung an das Osmanische Reich hat er ein Kalifat ausgerufen. In seinem Herrschaftsgebiet gilt die Scharia – die islamische religiöse Gesetzgebung. Gegen die westliche Welt kündigt der Islamische Staat einen „heiligen Krieg“ an. Der IS führt einen Terrorkrieg gegen die Zivilgesellschaft und zwingt alle Religions- und Volksgruppen gewaltsam, seine radikale Auslegung des Islams anzunehmen. Hunderttausende werden somit gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Sie fliehen in die Türkei, den Libanon und nach Jordanien.


Folgen für die Sicherheitspolitik

Der Konflikt in der Region beeinflusst inzwischen auch das Verhältnis der Türkei zu den USA sowie Europa und der NATO. Es geht unter anderem um Fragen der Nutzung von Luftwaffenstützpunkten, Waffenlieferungen und Grenzkontrollen.

Das NATO-Land Türkei nimmt eine Schlüsselrolle in den Bemühungen um eine Beilegung des Konflikts im Nahen Osten ein. Eine Koalition unter Führung der USA, der auch arabische Staaten angehören, bekämpft den IS mit Luftschlägen und Waffenlieferungen. An den Waffenlieferungen an die kurdischen Peschmerga beteiligt sich auch die Bundesrepublik Deutschland, die neben Hilfsgütern auch militärisches Material liefert.
 

„Religion ist nie allein die Ursache.“

Interview in der Süddeutschen Zeitung mit Prof. Dr. Heiner Bielefeldt, VN-Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit und Professor für Menschenrechte an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Süddeutsche Zeitung (SZ): Angesichts aktueller Konflikte von Syrien bis Zentralafrika verstärkt sich der Eindruck, dass immer häufiger die Religion schuld ist an Kriegen und gewaltsamen Zusammenstößen. Stimmt das?

Heiner Bielefeldt (HB): In der Tat erleben wir, dass derzeit in vielen Ländern schwierige politische Selbstfindungsprozesse stattfinden, die manchmal chaotisch verlaufen und in politische Hysterie abgleiten können. Aggressive religiöse Deutungsangebote finden unter solchen Bedingungen oft eine größere Resonanz. Und das Konfliktrisiko wächst. Gewaltgegen religiöse Minderheiten hat […] leider deutlich zugenommen. Das schlimmste Beispiel bietet aktuell vielleicht Syrien. Es zeigt aber auch, dass das Schlagwort „religiöser Konflikt“ der Lage nicht gerecht wird.

SZ: Werden so die tatsächlichen Ursachen verkannt?

HB: Die Lage in Syrien lässt sich nicht ungebrochen als religiöser Konflikt bezeichnen. Vor drei Jahren ging es zunächst um den Kampf gegen eine Diktatur – unbewaffnete Demonstranten gegen einen bis unter die Zähne bewaffneten Despoten. Irgendwann waren dann die Demonstranten auch bewaffnet, der Konflikt wurde immer mehr in Kategorien des Bürgerkriegs beschrieben und obendrein zum Stellvertreterkonflikt großer, regionaler Gruppen. Und auf einmal war es in der öffentlichen Wahrnehmung dann nur noch der Kampf der Sunniten gegen Schiiten, mit den Christen irgendwo dazwischen. Religion ist zweifellos oft ein Faktor von Eskalation. Doch Religion ist nie allein die Ursache. […]

SZ: In der Zentralafrikanischen Republik ist die Rede vom Kampf zwischen Muslimen und Christen. Zu einfach?

HB: Vom Konflikt der Christen gegen Muslime zu sprechen ist einerseits richtig, jedoch geht es meist nicht um christliche oder islamische Inhalte, sondern um Gruppenzugehörigkeiten. Identitäten werden oft religiös definiert und die Religion wird ihrerseits als Kriterium von Identität instrumentalisiert. In einer Situation des politischen Zerfalls wie in Zentralafrika zählt nur eine Botschaft: Wir sind anders als die. Die anderen sind böse. […] Das hat nichts mit unterschiedlichen Offenbarungsbekenntnissen, heiligen Büchern, Propheten oder anderen substanziellen Inhalten der Religionen zu tun.

SZ: Aber dennoch steht Religion im Zentrum?

HB: Auch wenn es so erscheint: In vielen Konflikten – im subsaharischen Afrika und anderswo – geht es im Kern um etwas anderes: um Staatsversagen, um Vertrauensverlust. […]

Quelle: Isabel Stettin: „Religion ist nie allein die Ursache“, Interview vom 28. Januar 2014, www.süddeutsche.de.
 

Arbeitsvorschläge:

Einzelarbeit
Schreiben Sie einen Leserbrief zu dem Interview. Begründen Sie, ob Sie den Thesen des VN-Sonderberichterstatters zustimmen oder diese ablehnen. Argumentieren Sie mithilfe der Informationen auf dieser Doppelseite, und Recherchieren Sie in verschiedenen Medien.


Gruppenarbeit
Recherchieren Sie Informationen zu verschiedenen Aspekten der Konfliktentwicklung im Irak. Bilden Sie dazu Gruppen von zwei bis vier Personen, und wählen Sie pro Gruppe eines der folgenden Themen aus. Stellen Sie Ihre Arbeitsergebnisse in Form eines Referats vor. a) Verhältnis von Volksgruppen, insbesondere Schiiten, Kurden, Sunniten b) Kolonialgeschichte, Staatsgründung und Grenzziehung c) Irakkriege: Konfliktpotenzial, Akteure, Ziele der beteiligten Interessengruppen d) Diktatur unter Saddam Hussein und die Entwicklung des Iraks nach dessen Sturz e) Die Terrormiliz Islamischer Staat: Entstehung, Ziele, Unterstützer, Gegner, aktuelle Entwicklungen.


Plenum
Vergleichen Sie die Entwicklungen im Irak nach Anhören der Referate mit Ihren Informationen zum Kapitel „Staatszerfall“ (S. 4/5). Überprüfen Sie, welche Merkmale von Staatszerfall Sie ausmachen können.


Weitere Informationen

 

Blick ins Heft

Schülermagazin 2015/2016

Das aktuelle Schülermagazin Frieden & Sicherheit können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.

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Hier finden Sie eine kommentierte Linksammlung zu Themen der Friedens- und Sicherheitspolitik sowie zu weiterführenden Angeboten der schulischen und außerschulischen politischen Bildung.

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